Bergbau

Der Bergbau – ein hartes Brot

Nur noch wenige Spuren zeugen heutzutage von der einst regen Bergbautätigkeit in und um Niederfischbach. Der bronzene Brunnenmann am Marktplatz, der den Ausbeutetaler und ein Füllhorn in seinen Händen hält und eine Lore an der „Stürze“ erinnern an diese Epoche der Gemeinde. Aber auch der „Grubenwanderweg“ und das restaurierte Stollenmundloch der Grube „Glücksbrunnen“ geben Hinweise auf jene Wirtschaftsepoche. Um weitere Spuren zu finden, benötigt man schon einen heimischen Kenner der Region, einen „Pfadfinder“, der Vertiefungen im Wald als Pingen erkennt und nicht mit Bombentrichtern verwechselt.

Brunnenmann am Marktplatz in Niederfischbach

Der Bergbau spielte ohne Zweifel eine wichtige Rolle in der Gemeinde, aber eben nur eine Zeit lang.  Rudolf Alt hat sich mit dem Erzbergbau und Hüttenwesen im Raum Niederfischbach intensiv auseinandergesetzt und die Geschichte in seinem gleichnamigen Buch festgehalten. Er datiert die Anfänge des belegbaren Bergbaus im Otterbachtal auf etwa 1750. Gleichwohl wurde Bergbau in und rund um Niederfischbach schon in früheren Jahrhunderten betrieben. Nachweisbare Spuren in Form von Schriftstücken oder Dokumenten gibt es hierüber jedoch nicht. Tatsächlich konnte Eisenverhüttung im Siegerland und den Nachbargebieten schon in der Laténe-Zeit (ca. 700 vor. Christus) durch Bodenfunde nachgewiesen werden. Im Bereich des Giebelwaldes gibt es auch zahlreiche Fundstellen, die auf Verhüttungstätigkeit deuten.

Die Epoche des Bergbaus endet hier etwa mit der Schließung des Fischbacherwerkes um 1900. Die Grube „Vereinigte Wilhelmine“ (Hahnhof) machte um 1920 „dicht“. Die wohl heute noch bekannteste Förderstätte war die Grube Fischbacherwerk. Von ihr gibt es noch das meiste Bildmaterial und einige wenige, bauliche Überreste.

Fischbacherwerk

Einst führte ein Schienenstrang durch den Wald zum Verladebahnhof, an dessen Stelle heute der große Lebensmittelmarkt steht. Eine alte Lore erinnert an diese Verladestation. Die Gemeinde gab der Straße den Namen „Auf der Stürze“.

Grubenbähnchen vom Fischbacherwerk zur Stürze

Die Betreiber des Fischbacherwerkes hatten es in erster Linie auf den Abbau der reichen silberhaltigen Bleierze abgesehen und ließen zunächst das oft mehrere Meter starke Spateisenmittel, das eigentlich wichtigste Eisenerz im Siegerland stehen. Der durchschnittliche Silbergehalt in Bleiglanz betrug 400 Gramm auf 100 Kilo. Aus der gesamten Fördermenge der Grube Fischbacherwerk ergibt sich somit eine Ausbeute an Silber von rund 140 Tonnen. Die heute noch wohl bekannteste „Errungenschaft“ jener Tage war der „Fischbacher Ausbeutetaler“ von 1750. Zu Ehren von Markgraf Karl Wilhelm Friedrich von Brandenburg-Ansbach wurde der Taler aus der ersten Ausbeute der Grube in der Münzstätte Altenkirchen, die sich im Schloss zu Altenkirchen befand, geprägt. Fachleute schätzen, dass etwa 1500 dieser Medaillen damals angefertigt wurden. Ein „Replik“ aus Bronze hält heute noch der Brunnenmann am Marktplatz in seinen Händen. 1960 hat die Gemeinde Niederfischbach eine Nachprägung des Silbertalers anfertigen lassen.

Monstranz aus Fischbacher Silber

Es gibt jedoch auch einige sakrale Gegenstände, deren Ursprung aus dem Niederfischbacher Bergbau stammen. So besitzt die kath. Kirchengemeinde einige Sakralgegenstände, die aus Fischbacher Silber gearbeitet sind. Dabei handelt es sich um eine Monstranz, zwei Kelche und zwei Leuchter.

Auch die Grube „Glücksbrunnen“ bzw. deren Überreste, südlich von Tüschebachsmühle gelegen, ist heute noch leicht zu finden. Das restaurierte Stollenmundloch ist heute ein Industriedenkmal, und nicht weit davon steht noch das alte Verwaltungsgebäude.

Hinsichtlich der Gesamtfördermenge und der Wirtschaftlichkeit war diese Grube mit Abstand das bedeutendste Unternehmen. Mit der Förderung von Spateisenstein, Blei- und Kupfererz wurde hier kurz nach 1800 begonnen, 1931 wurde der Betrieb eingestellt.

 

Stollenmundloch der Grube Glücksbrunnen

Die Grube Vereinigte Wilhelmine war die wohl weitverzweigteste Anlage ihrer Art, was die Ausdehnung des Stollensystems wie auch die Zahl der zugehörigen Gruben betrifft. Ihr gehören u. a. auch die Gruben Hymensgarten, Frosch, Louise und Friedrich Wilhelm an. Weitere zu nennende Gruben sind Concordia, Villbach, Mehlberg, Rothenberg, Pauline, Kräm, Vereinigter Glückstern, Neuer Silberstern, Hanbügel, Birlebach, Vereinigte Gruben Wäschebach, Einsiedel, Hähnerwald, Georgsaussicht, Otterbach, Bruch, Carlskrone, Gabriele, Silberblick, Cordula, Bellona und Silberhardt.

Grube Wilhelmine bei Wüstseifen

Alte Ortsnamen wie Fischbacherhütte erinnern daran, dass das gewonnene Erz bereits im Ort geschmolzen, also verhüttet wurde. Auch die Haubergswirtschaft ist in unmittelbarem Zusammenhang mit der Verhüttung zu sehen. Sie lieferte den Naturbrennstoff, der zur Holzkohlegewinnung notwendig und direkt vor Ort verfügbar war. In Erinnerung geblieben sind vor allem die Victoriahütte „Auf der Schmelze“ und die Eisenhütte in Fischbacherhütte.

Viktoriahütte „Auf der Schmelze“

Allen Anzeichen nach gehört die Fischbacher Hütte zu den ältesten Hütten im Siegerland. Die Blashütte „uff der Hütten“ wird bereits in einer Urkunde des Jahres 1587 für den Ort Fischbacherhütte erwähnt. Eine Karte aus dem Jahr 1762 mit dem Titel „Ohngefährer Grundriss des Kirchspiels Fischbach“ weist eine Eisenhütte und einen Eisenhammer auf. In diesen Jahren hatte die Hütte Hochkonjunktur. Im  Fischbacher Bezirk waren mehr als 20 Gruben und Schürfstellen im Betrieb, die alle ihren Eisenstein zur Hütte brachten. Dort waren damals über 100 Arbeiter beschäftigt. Mit Pferden, Ochsen, Kühen und Handkarren wurde der Eisenstein angeliefert. Die Haubergs- und Waldbesitzer erlebten eine gute Zeit. Sie konnten so viel Holzkohle liefern, wie ihnen nur möglich war. Die Bauern brachten ihre Holzkohle meist im Winter zur Hütte. Die Blashütte war stets in Händen hiesiger Gewerke. Etwa 1865 ging die Hütte ein und verfiel allmählich. Einige Gemäuer und der Hüttenweiher erinnerten noch lange Zeit daran, dass hier einmal ein großes Werk gestanden hat. Heute zeugt nur noch der Straßenname „Auf dem Weiher“ von dieser umtriebigen Epoche.

Die Fischbacherhütte

So prosaisch das Leben der Bergleute in den Volksliedern besungen wird, so bescheiden waren die Lebensverhältnisse jener Zeit. Die meisten Berg- und Hüttenarbeiter waren gezwungen, eine kleine Nebenerwerbslandwirtschaft zu betreiben. Nur wenige konnten sich eine eigene Kuh leisten, meist reichte es nur für ein paar Ziegen oder Schweine. Die Bergleute bauten im hauseigenen Garten Gemüse und Roggen an, auch der Hauberg wurde für den Getreideanbau genutzt. Nicht selten schufteten Hausfrauen und Kinder in der Landwirtschaft, um das Auskommen zu sichern. Verunglückte ein Bergarbeiter in der Grube, bedeutete das für die Familien der Ruin. Daher gründeten sich in jener Zeit die ersten Sozialeinrichtungen. Größere Firmen schlossen sich zusammen, um ihre Angestellten abzusichern. Am Anfang dieser Entwicklung stand die Knappschaftskasse.

Kartoffelernte um 1920: Die Leute konnten sich durch landwirtschaftliche Nebenerwerbstätigkeit über Wasser halten.

 

Heuernte auf der „Blankwiese“, heute steht hier das Seniorenzentrum „Haus Mutter Teresa“.

Heuernte

Die Phase der wirtschaftlichen Prosperität war rückblickend betrachtet nur auf wenige Jahrzehnte begrenzt. Mit dem Ende der Grubenbetriebe mussten sich viele Niederfischbacher Familien finanziell stark einschränken, soweit das Familienoberhaupt keine andere Beschäftigung fand. Andere Betriebe traten an die Stelle der Gruben und Hütten und sorgten für wirtschaftlichen Aufschwung. Das Walzwerk in Wehbach, die Geisweider Eisenwerke  und die Lokomotivfabrik Jung in Kirchen beispielswiese. Aber auch sie sind heute schon wieder Geschichte.

Getreideernte in Hüttseifen