Aus Wut geboren

Von am 12. Mai 2020
Weil sich Peter Merzhäuser, Chef der Firma General Topics, zu sehr über die horrenden Preissteigerungen bei FFP2-Masken geärgert hat, vertreibt er jetzt ein Desinfektionsmittel – ganz bewusst zu Vor-Corona-Preisen. Das Bild zeigt Mitarbeiterin Julia Schnitzler mit den neuen Fläschchen, die insbesondere zur Handreinigung unterwegs genutzt werden können. Foto: damo

Firma General Topics setzt Gegenpol zur Corona-Abzocke

Zwei Geschäftsmänner haben sich so sehr über Kriegsgewinnler geärgert, dass sie jetzt zeigen, wie es anders gehen kann.

damo ■  Keine Krise ohne Kriegsgewinnler – da macht die Corona-Pandemie keine Ausnahme. Schon vor Wochen hatte die Führungsriege des Kirchener Krankenhauses im Gespräch mit der SZ über die exorbitanten Preissteigerungen bei FFP2-Masken geschimpft. Und der Niederfischbacher Apotheker Peter Merzhäuser kann diese Negativerfahrung sogar noch toppen: Auch er hat ein extrem unschönes Erlebnis hinter sich. Aber: Er hat ausgesprochen schön darauf reagiert.

Rückblick: Vor einigen Wochen hatte Merzhäuser Schutzmasken für die Kunden ordern wollen, und als ihm der Großhändler den Preis nannte, musste Merzhäuser bereits schlucken. „Eine Maske sollte 2 Euro kosten – angesichts von einem üblichen Preis von 40 Cent fand ich das schon teuer“, berichtet er und verweist darauf, dass gestiegene Produktionskosten kaum als Begründung herhalten konnten: „Das waren noch Lagerbestände.“ Dennoch: Der Apotheker orderte zähneknirschend und nahm auch eine dreiwöchige Lieferfrist in Kauf. Als er aber nach drei Wochen keine Masken, sondern einen Anruf bekam, platzte ihm der Kragen: „Da hieß es, der Preis liege jetzt bei 10 Euro pro Stück.“ Merzhäuser, vergrätzt bis in die Haarspitzen, cancelte die Bestellung. „Da kam man nicht umhin zu merken, dass die Welt offenbar voll ist von Leuten, die sich jetzt ihre Karibikinsel finanzieren wollen.“

Nun ist Merzhäuser nicht nur Apotheker: Gemeinsam mit einem Freund aus Studienzeiten hat er unter dem Namen „Synchroline“ eine Produktlinie medizinischer Kosmetik auf den Markt gebracht. Produziert wird in Italien am Gardasee, wo Dr. Gianfranco De Paoli lebt und arbeitet. Und zwar auch als Apotheker. Als Merzhäuser ihm am Telefon seinen Ärger über den geplatzen Masken-Kauf schilderte, begann der Italiener zu erzählen – und zwar praktisch dieselbe Geschichte.

Und an dieser Stelle nimmt die Story einen guten Verlauf: Denn aus der Wut, der die Apotheker auf beiden Seiten der Alpen in diesem Moment verband, haben sie eine gute Idee geboren. „Wir haben überlegt, ob wir nicht gemeinsam etwas tun können, was einfach ein bisschen besser ist, als mit der Angst der Menschen Geschäfte zu machen.“

Gesagt, getan: Seit einigen Tagen ist die Synchroline-Produktion weitgehend umgestellt worden. Am Gardasee werden jetzt praktisch nur noch die Kosmetik-Produkte mit medizinischer Indikation, die zum Beispiel Brandopfer dringend benötigen, hergestellt – alle anderen Kapazitäten werden genutzt, um Desinfektionsmittel zu produzieren. Die ersten 25 000 Fläschchen des Mittels, das natürlich virentötend wirkt, sind bereits in Niederfischbach bei General Topics, den Deutschland-Vertrieb der Synchroline-Produkte, eingetroffen.

Von dort aus verkauft sie Merzhäuser an Großhändler in ganz Deutschland. Und zwar zu einem Preis, der sogar in Vor-Corona-Zeiten günstig gewesen wäre.

Natürlich soll an dieser Stelle nicht verhehlt werden, dass die Firma Synchroline die Desinfektionsmittel nicht unter den Produktionskosten abgibt: Eine marktübliche Gewinnspanne ist drin – aber eben kein Cent mehr. Damit das auch so bleibt, kommuniziert Merzhäuser den angedachten Verkaufspreis sehr offensiv, um sicherzustellen, dass der Endverbraucher nicht geschröpft wird. Bislang klappt das gut: „Ich freue mich, dass bisher überall, wo wir das nachvollziehen konnten, der faire Endpreis ankommt.“

Und die Nachfrage ist offensichtlich groß: Allein in Merzhäusers Apotheke in Niederfischbach sind am ersten Tag rund 500 der kleinen Fläschchen über die Ladentheke gegangen. Gedacht sind sie in erster Linie für die schnelle Handreinigung unterwegs – Großgebinde für Kliniken gibt es mittlerweile laut Merzhäuser in ausreichenden Mengen auf dem Markt, so dass jetzt guten Gewissens auch Privatabnehmer versorgt werden können. „Wir haben jetzt schon mehr Bestellungen, als ich aktuell liefern kann.“

Quelle/Foto: Siegener Zeitung
Autor: Daniel Montanus

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