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Weihnachtsbaumprofi aus Damaskus

Von am 14. Dezember 2016

 Aktionsgemeinschaft sorgte für festliche Beleuchtung / Syrischer Flüchtling packte mit an

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Im festlichen Lichterglanz erstrahlt derzeit die Konrad-Adenauer-Straße in Niederfischbach. Die Aktionsgemeinschaft hat rund 40 Weihnachtsbäume aufgestellt und mit Lichterketten geschmückt. Hilfe bekam sie dabei auch von im Ort lebenden Flüchtlingen. Foto: rai

Den Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft lernte Rezek Allah Loutfi auf dem Stegskopf kennen – inzwischen lebt er selbst in Niederfischbach.

Der „Herr der Föschber Weihnachtsbäume“ kommt aus Damaskus. Er hat schließlich Erfahrung in dem Metier: Schon in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge auf dem Stegskopf hat er mitgeholfen, aus einem schlichten Nadelbaum ein festliches Schmuckstück zu machen. Rezek Allah Loutfi grinst: „Das ist wohl mein Geschäft in Deutschland.“ Jetzt also auch in Niederfischbach.

Mit Beginn der Adventszeit erleuchten sie wieder die Dunkelheit, die Weihnachtsbäume an der Konrad-Adenauer-Straße. Sorgen für besinnliche Stimmung in oft hektischen Zeiten – sehr zur Freude vieler Bewohner und Besucher des Asdorftals. Auf diese seit langem bestehende Tradition verzichten? Auch wenn Aufwand und Kosten groß sind, das geht auf gar keinen Fall, meint Gerd Braas. Der Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft erzählt: „Wie werden oft schon im Voraus von Bürgern nach der Weihnachtsbeleuchtung gefragt.“ Und wenn die dann erstrahlt, lassen die positiven Rückmeldungen nicht lange auf sich warten.

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Gutes Team: Karin Otterbach und Rezek Allah Loutfi. Foto: Aktionsgemeinschaft

Die Idee mit den Bäumen an Niederfischbachs Hauptverkehrsader kam ursprünglich von der Aktionsgemeinschaft, einem Zusammenschluss von inzwischen 70 Gewerbetreibenden aus Handel, Handwerk, Dienstleistung und Industrie. In den vergangenen Jahren hatten Mitglieder des SV „Adler“ 09 für das Aufstellen der Bäume gesorgt, für dieses Jahr aber entschied sich die Aktionsgemeinschaft, die Arbeiten wieder selbst zu übernehmen.

Und das bedeutet, drei Samstage lang muss richtig rangeklotzt werden. Schließlich fällt alles eine Nummer größer aus, als bei Weihnachtsbäumen in der Etagenwohnung oder dem Einfamilienhaus. Rund 40 Edeltannen, die bei Niederndorf gewachsen sind und von einem dortigen Händler stammen, säumen derzeit die Konrad-Adenauer-Straße. Jede von ihnen ist rund 4 bis 4,50 Meter hoch. Entsprechend fallen die 30 Leuchtmittel aus, die jeweils an einem Baum für Erleuchtung sorgen: Das Wort „Birnchen“ wäre hier wirklich fehl am Platze – es sind ausgewachsene Birnen. Rund 500 werden davon pro „Saison“ verbraucht, erläutert Gerd Braas. Einige erleiden einfach einen Defekt, andere fallen Vandalismus zum Opfer.

Allein drei Leute braucht es, um die Lichterketten an den Weihnachtsbäumen zu befestigen: zum anreichen, anbringen – und zum Leiter festhalten. An allen Tagen zum Helfen mit dabei: Rezek Allah Loutfi. Der 21-Jährige ist über das Mittelmeer und die „Balkanroute“ vor dem Krieg in seiner Heimat geflüchtet. In Deutschland war er in verschiedenen Einrichtungen untergebracht, bevor er dann schließlich Ende 2015 auf dem Stegskopf untergebracht wurde. In der Aufnahmeeinrichtung engagierte sich Braas als Ehrenamtskoordinator für das Rote Kreuz und lernte so Loutfi kenne, der in der „Bauhof-Gruppe“ mitarbeitete. Bestehend aus Helfern und Flüchtlingen, übernahm die Gruppe z. B. das Kehren der Straßen. „Er war der einzige der Flüchtlinge, der Englisch konnte“, erinnert sich Braas. Kein Wunder also, dass der Syrer so zum Ansprechpartner wurde. Und irgendwann dann zu einem Freund von Braas, der Loutfi nicht nur bei verschiedenen organisatorischen Dingen unter die Arme griff, sondern ihn auch mit in die Heimat nahm. Sogar den Heiligen Abend verbrachte der Syrer bei Familie Braas. Wobei das Weihnachtsfest in „Föschbe“ sich für den 21-Jährigen gar nicht so sehr von dem bei seiner Familie in Damaskus unterschied – schließlich ist er katholischer Christ.

Der Kontakt nach Niederfischbach blieb selbst nach der Verlegung des Syrers nach Hanhofen (nahe Speyer) bestehen. Immer wieder verbrachte er mehrere Wochen im Asdorftal: „Ich mag Niederfischbach. Hier habe ich Freunde und wollte wieder zurück.“ Im September war es dann endlich soweit: Loutfi erhielt die Nachricht, dass er nun erst einmal für ein Jahr in Deutschland bleiben darf. Und jetzt lebt er, klar, in Niederfischbach. In einer Wohnung auf dem Rothenberg. Da dürfte es auch nicht mehr lange dauern, bevor er eines seiner nächsten Ziele erreicht: „Den Akzent von Niederfischbach muss ich noch lernen.“ Seine (Hoch-)Deutschkenntnisse sind inzwischen gut fortgeschritten, und so hofft der 21-Jährige, nach einem speziellen Sprachkurs an der Uni Siegen dort möglichst bald sein Studium fortsetzen zu können. Denn in Damaskus, wo noch seine Eltern und sein Bruder leben, hatte er begonnen, Psychologie und Betriebswirtschaftslehre zu studieren.

Bei der Weihnachtsdekoration im Großformat für die Konrad-Adenauer-Straße packten weitere drei Asylbewerber mit an, zwei Syrer und ein Iraker. Und natürlich viele Mitglieder der Aktionsgemeinschaft, gilt doch: Ohne Fleiß kein Lichterglanz. So stellte der Tierpark zwei Helfer nebst Traktor ab, die Firma Löcherbach steuerte einen Lkw bei und Sven Ohrndorf mehrere große Leitern. Mit Rat, Tat, Organisationstalent oder Material mit dabei waren zudem etwa noch Gerd Braas, Michael Schreiber, Karin Otterbach, Helga Krusch, Valentin Weyel, Andreas Fricke und Christoph Otterbach. An den Kosten für Bäume und Glühbirnen beteiligt sich zudem die Ortsgemeinde zu 50 Prozent.

Bis zum 6. Januar ist so in Niederfischbach für festliche Stimmung gesorgt. Den Heiligen Abend wird Helfer Loutfi wieder bei Familie Braas verbringen. Dort ist das Schmücken des Baumes aber Frauensache. Rezek Allah Loutfi seufzt: „Danke, Gott.“

Autor: Nadine Buderath – Siegener Zeitung