Aktuell

Quo vadis, Tierpark?

Von am 29. Juni 2016

Symbolbild_Bericht_Siegener_Zeitung

Führungstrio zieht nach Querelen die Reißleine / Vorstand gesucht

Eine Strafanzeige wegen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz hat das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht.

Der Tierpark Niederfischbach steht vor einer immensen Herausforderung: Das aktuelle Vorstandsteam zieht die Reißleine. Birgit Hausherr, Peter Merzhäuser und Michael Kewitsch wollen ihr Engagement beenden, und zwar so bald wie möglich. „Unser Rückzug ist definitiv“, sagt Merzhäuser: „Eine Fortsetzung ist nach allem, was passiert ist, nicht denkbar.“

Das gab das Vorstandsteam am Montagabend auf einer Versammlung des Tierparkvereins bekannt. Neu gewählt werden konnte an diesem Abend aber noch nicht: Die Versammlung hatte wegen eines Formfehlers beim Einladungsprocedere lediglichen informellen Charakter. Dennoch: Fakt ist, dass der Tierpark bald auf seine führenden Köpfe verzichten muss.

Mit ihrem Rückzug reagieren Hausherr, Merzhäuser und Kewitsch auf Kritik, die seit geraumer Zeit innerhalb des Vereins laut geworden war. Auch wenn sich kaum einer der Anwesenden auf der Versammlung als Beschwerdeführer geoutet hat, ist durchgesickert: Die Gruppe der Kritiker setzt sich aus einfachen Vereinsmitgliedern, Mitgliedern des erweiterten Vorstands, aber auch Beschäftigten des Tierparks zusammen. Sie beklagen im Wesentlichen zweierlei: Zum einen sind sie mit dem Führungsstil des Geschäftsführers Peter Merzhäuser nicht einverstanden; zum anderen prangern sie Versäumnisse beim Tierschutz an.

Diese Störfeuer bestehen seit einigen Monaten. Teilweise wurde die Kritik über soziale Medien nach außen transportiert, zudem gab es eine WhatsApp-Gruppe, in der sich über vermeintliche Fehler des Vorstands ausgetauscht wurde. Die Vorwürfe gegen den Vorstand gipfelten jetzt in einer Strafanzeige, die gegen Peter Merzhäuser gestellt wurde: Ihm wird ein Verstoß gegen das Tierschutzrecht vorgeworfen.

Merzhäuser wollte sich in der Versammlung mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht inhaltlich zu den Vorwürfen äußern. Nach SZ-Informationen fußt die Strafanzeige unter anderem auf der Vergesellschaftung von Nutrias und Marderhunden; wie auch der Facebook-Seite des Tierparks zu entnehmen ist, haben die Marderhunde ein Nutria-Jungtier getötet. Offenbar ist das für die Kritiker Grund genug, Merzhäuser, der die Vergesellschaftung der beiden Arten initiiert hatte, vor den Kadi zu zerren.

Nicht nur für Merzhäuser haben die Kritiker mit diesem Schritt den Bogen deutlich überspannt. Dass Vereinsmitglieder zu einem derart drastischen Instrument gegriffen haben, löste in der Versammlung bei den „neutralen“ Mitgliedern Bestürzung aus. „Das kommt wirklich von jemandem aus der Versammlung?“, fragte Gerd Braas, und nicht nur ihm war eine gewisse Fassungslosigkeit anzumerken. Merzhäuser selbst kommentierte die Strafanzeige so: „Hier sind Grenzen überschritten, dass es irreparabel ist.“

Daran konnte auch Vereinsmitglied Wolfgang Stock nichts ändern, der – wie einige andere auch – in höchsten Tönen die Entwicklung lobte, die der Tierpark unter der Führung des noch amtierenden Vorstands genommen hat. Er appellierte eindringlich an das Führungs-Trio, die Arbeit fortzusetzen – gegebenenfalls nach einem klärenden Gespräch oder einer Mediation.

Das aber schlossen Hausherr, Merzhäuser und Kewitsch aus. Sie ließen keinen Zweifel daran, dass für klärende Gespräche schlichtweg eine Basis fehlt. Dazu seien die Kritiker einfach viel zu weit gegangen, wie einer Äußerung Hausherrs zu entnehmen war: „Keinesfalls begebe ich mich in meiner Freizeit in eine Situation, in der ich mich permanent mobben lasse.“

Da der Entschluss zum Rückzug zementiert ist, ist es nur folgerichtig, dass das Vorstandsteam bei der Versammlung nicht mehr über Vergangenes diskutieren wollte. Stattdessen lenkten Hausherr, Merzhäuser und Kewitsch den Blick immer wieder nach vorne. Entscheidende Frage: Wie geht’s mit dem Tierpark weiter?

Diese Frage blieb unbeantwortet – obwohl das scheidende Führungstrio immer wieder neue Versuche startete, die Kritiker in die Pflicht zu nehmen. „Es gibt offensichtlich den Wunsch, dass wir uns zurückziehen. Diesem Wunsch tragen wir Rechnung. Aber es muss an dieser Stelle doch einen Plan geben, wie es weitergehen soll“, sagte Merzhäuser. Hausherr formulierte es noch knackiger: „Wir machen Platz – was wollt ihr noch?“ Eine Antwort blieben die Beschwerdeführer am Montagabend aber schuldig.

Denn das Bisschen, das überhaupt an Gegenrede kam, beschränkte sich auf Kritik an Vergangenem – keiner der Beschwerdeführer hat einen Plan B aus der Tasche gezogen. Der aber wird unverzichtbar sein, schließlich hat der Tierpark keine hauptamtliche Geschäftsführung. Soll heißen: Sowohl die konzeptionelle Arbeit, vor allem aber das Tagesgeschäft mitsamt hauptamtlichen Tierpflegern, Beschäftigten im Kiosk und einem großen Tierbestand, muss vom ehrenamtlichen Vorstand koordiniert werden. „Der Tierpark ist ein kleines Unternehmen“, verdeutlichte Birgit Hausherr: „Das kann nicht führungslos vor sich hin dümpeln.“ Gesucht sind also Menschen, die jetzt das Ruder in die Hand nehmen.

Etwa acht Stunden Arbeit fallen insgesamt für die drei Vorstandsmitglieder täglich an, skizzierte Merzhäuser den Aufwand. Kewitsch kündigte an, gerne auch eine detaillierte Stellenbeschreibung vorzulegen, damit sich potenzielle Nachfolger im Vorfeld ein Bild machen können, was auf sie zukommt.

Ohnehin versicherte die scheidende Führungsriege, die Nachfolger nicht im Regen stehen zu lassen: Die neuen Vorstandsmitglieder – so sie sich denn finden – sollen so lange eingearbeitet werden, bis sie fit genug sind, alleine Verantwortung zu übernehmen. „Wir geben alles weiter, helfen gerne. Denn der Park darf keinesfalls kaputtgehen“, sagte Merzhäuser.

Bislang hat niemand diese ausgestreckte Hand ergriffen – jetzt sind nicht nur die Beschwerdeführer gefordert, sondern auch alle anderen der rund 500 Mitglieder: So rasch wie möglich, spätestens aber in vier Wochen, soll es eine neuerliche Mitgliederversammlung geben. Inklusive Vorstandswahlen.

**********

KOMMENTAR: Jetzt sind andere gefordert

Es ist gerade einmal fünf Jahre her, da stand der Tierpark Niederfischbach vor dem Aus: Damals fand sich kein Vorstand, und erst in zwölfter Stunde sprang die regionale Naturschutzinitiative „Ebertseifen – Lebensräume“ (und mit ihr Peter Merzhäuser und Birgit Hausherr) in die Bresche. Und das war ein Glücksfall sondergleichen.

Denn binnen weniger Jahre hat sich der Tierpark zu einem echten Aushängeschild der Verbandsgemeinde Kirchen gemausert. Früher wirkte der Tierbestand bunt zusammengewürfelt – heute werden im Tierpark fast nur noch heimische Wildtiere und alte Haustierrassen gezeigt. Früher vegetierten die Tiere teilweise in kerkerähnlichen Betonverschlägen vor sich hin – heute ist der Park von modernen und attraktiven Gehegen geprägt. Früher gab’s einen in die Jahre gekommenen Spielplatz und ein sehr übersichtliches Angebot im Kiosk – heute dürfte es Familien geben, die schon wegen des neuen Spielplatzes ins Kesselbachtal kommen. Und Zusatzangebote wie die Falknerei oder das Wollfest tragen dazu bei, dass sich der Tierpark weit über die Grenzen des Asdorftals hinaus zu einem konkurrenzfähigen Ausflugsziel entwickelt hat. Das lässt sich auch an den Besucherzahlen ablesen: Diese haben sich praktisch verdreifacht, mittlerweile passieren mehr als 40 000 Besucher das Kassenhäuschen.

All das ist ganz eng mit den Namen Merzhäuser, Hausherr und Kewitsch verbunden. Sie haben dem Tierpark ein zukunftstaugliches Konzept gegeben und damit den Grundstein für den Erfolg gelegt. Und sie engagieren sich im täglichen Betrieb weit über das normale Maß hinaus: Wenn Not am Mann ist, dann greifen die Vorstandsmitglieder selbst zur Mistgabel.

Warum sie das tun? Ganz sicher nicht, weil sie Freude daran haben, Tiere zu quälen. Ganz im Gegenteil: Das neue Konzept des Tierparks ist praktizierter Tierschutz, haben sich doch die Lebensbedingungen vieler Tiere drastisch verbessert. Und würden sich viele Menschen in dem Maße für den Artenschutz einsetzen wie Peter Merzhäuser mit seiner Naturschutzinitiative „Ebertseifen“, wäre die Rote Liste deutlich kürzer. Ausgerechnet ihn mit einer Strafanzeige wegen Tierquälerei zu belegen, mutet geradezu absurd an.

Selbst wenn Merzhäuser mit seinem Führungsstil manchmal aneckt, und selbst wenn es inhaltliche Differenzen über Themen wie die Vergesellschaftung unterschiedlicher Arten gibt: Mit der Strafanzeige ist die Basis für eine Zusammenarbeit weg. Dass das Führungstrio die Reißleine zieht, ist die einzig plausible Reaktion.

Was das aber für Konsequenzen für den Tierpark hat, ist noch offen. Klar ist: Hausherr, Merzhäuser und Kewitsch waren mit der Umgestaltung des Tierparks noch nicht fertig – sie hätten weitere Schwachstellen beseitigt. Jetzt sind andere gefordert, und man kann nur hoffen, dass sie ähnlich viel Tatkraft und planerischen Weitblick einbringen werden.

Gar nicht ausmalen will man sich, was passieren würde, wenn sich jetzt kein Nachfolge-Vorstand findet. Aber das sollte eigentlich ausgeschlossen sein: Dass spätestens die Strafanzeige zum Rückzug des Führungstrios führen würde, lag auf der Hand. Und wer das in Kauf nimmt, muss einfach einen Plan B in der Tasche haben. Denn die Zukunft des Tierparks darf nicht aufs Spiel gesetzt werden.

Autor/Quelle: Daniel Montanus – Siegener Zeitung