Er macht Flüchtlinge für Deutschland fit

Von am 25. Februar 2015
ManfredSchlechtriemen

Manfred Schlechtriemen – langjähriger Erster Beigeordneter von Niederfischbach und ehemals auch Leiter der Katholischen Öffentlichen Bücherei – unterrichtet in der alten Grundschule des Ortes drei Mal pro Woche Asylsuchende.

Manfred Schlechtriemen aus Niederfischbach unterrichtet Asylbewerber – Kreis-VHS und Gemeinde helfen dabei

Mustafa kommt aus dem Iran. Der 30-Jährige flüchtete aus seiner Heimat, weil er dort als Christ Repressalien ausgesetzt war. Dies kann er aber auf Deutsch so gut wie gar nicht ausdrücken. Acht Jahre ging er in Persien zur Schule, die arabische Schrift ist für ihn kein Problem – doch Deutsch kann er kaum. Noch viel weniger Kenntnisse unserer Sprache haben Saeed (28), der den Iran aus den gleichen Gründen verlassen hat, und Hzem (28), der vor dem Krieg in Syrien nach Deutschland flüchtete. Die Drei sitzen vor Manfred Schlechtriemen im Sitzungssaal der alten Grundschule Niederfischbach und pauken Deutsch. Seit Jahren hilft er Asylbewerbern, die für sie so schwere Sprache zu erlernen.

In diesem Jahr muss die Verbandsgemeinde Kirchen wesentlich mehr Flüchtlinge aufnehmen und versorgen als bisher. Auf fast 200 dürfte es hinauslaufen – die Hälfte davon kommt wahrscheinlich in der Asdorfgemeinde unter. Damit verbunden ist auch das Problem ihrer fehlenden Deutschkenntnisse. Der 73-jährige frühere Englisch- und Mathelehrer Schlechtriemen war von 2004 bis 2014 Erster Beigeordneter von Niederfischbach, saß insgesamt 15 Jahre lang für die CDU im Kreistag und war von 1981 bis 2012 Spiritus Rector der Katholischen Öffentlichen Bücherei in Niederfischbach. „Ich mache das gerne, weil ich helfen kann“, begründet er sein Engagement für die Flüchtlinge, „und ich habe die Erfahrung gemacht, dass man das an Freundlichkeit zehnfach zurückbekommt.“

Zurzeit sitzen elf Asylsuchende bei ihm im Kurs, die meisten aus Syrien, Iran, Afghanistan. „Aber oft sind wir nicht vollständig“, erzählt Schlechtriemen, „dann haben einige einen Termin beim Sozialamt oder haben andere Sachen zu erledigen.“ Mit einfachen Sätzen fängt sein Deutschunterricht an: „Wie heißen Sie?“, „Woher kommen Sie?“, „Wo wohnen Sie jetzt?“ Dienstags, donnerstags und freitags von 9.30 bis 11.30 Uhr bietet der Pensionär seine Kurse an, erst einen für diejenigen, die so gut wie kein Wort Deutsch können, dann für die „Fortgeschrittenen“. Einige seien sehr eifrig, berichtet er, und fast alle legten sie einen beachtlichen Ehrgeiz an den Tag.

Bis ins vergangene Jahr hat Schlechtriemen seine Schüler daheim im Esszimmer unterrichtet. Jetzt, da ihre Zahl wächst und wächst, haben Ortsgemeindeverwaltung und Kreisvolkshochschule die Kurse auf noch solidere Füße gestellt. Nicht nur, dass Schlechtriemen jetzt eine kleine Zeitaufwandsentschädigung für seinen Einsatz bekommt. Viel wichtiger ist ihm der „kolossale Vorteil“, dass ihm nun eine Tafel, der Sitzungssaal, ein CD-Player für den Unterricht gestellt werden, dass er den Kopierer der Gemeinde, den Tageslichtprojektor samt Folien nutzen darf und dass die Lehrbücher zu zwei Dritteln vom Kreis bezahlt werden. „Früher haben wir das ohne Bücher gemacht, das meiste habe ich da einfach auf einem Blatt vorgeschrieben.“

„Oft bin ich schon froh, dass wenigstens einige dieser Leuten etwas Englisch können“, sagt Schlechtriemen, „sonst gäbe es oft kaum eine gemeinsame Grundlage. Da die Leute aus verschiedenen Ländern kommen, können sie sich meist nicht mal untereinander verständigen. Und wenn sie Englisch kennen, haben sie immerhin ein bisschen Gefühl für eine europäische Sprache.“ Viele kennen zudem nur die arabische Schrift, dann muss er ihnen erst die lateinische beibringen, damit sie mit den Arbeitsheften überhaupt zurechtkommen. „Ja, klar ist das oft mühsam“, sagt der rüstige Senior, „aber wir lachen auch viel zusammen.“

Zehn Kapitel hat das Lehrbuch, das er für seinen Unterricht verwendet, aber bis zum letzten davon ist er noch nie gekommen. Denn meist bleiben seine Schüler auch nicht lange: „Wenn die Leute von ihrem ,Entscheider‘ in Trier den offiziellen Status des Asylbewerbers bekommen, gehen sie in die vorgesehenen Integrationskurse nach Betzdorf oder Siegen. Oder sie finden Arbeit, dann sind sie sowieso weg.“ Denn einen Job zu finden, das sei für die Asylbewerber das Größte: „Sie sind ehrgeizig, fleißig und wollen unbedingt die Chancen ergreifen, die ihnen in unserem Land geboten werden.“ Ob es eine Stelle in einer Pizzeria, im Schnellrestaurant oder im Altenheim ist, die Leute seien „stolz wie Oskar“, wenn sie ihn dann mal irgendwann wiedertreffen und ihm davon erzählen. Viele von ihnen dürften Niederfischbach nicht vergessen, wo ihnen bei den ersten mühsamen Gehversuchen in Deutschland so gut geholfen

Quelle: RZ Altenkirchen, Betzdorf vom Mittwoch, 25. Februar 2015

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