Hahnhofer Dichter war sozialer Kämpfer

Von am 5. Januar 2015

Bei der Gründung der KAB Niederfischbach vorm Ersten Weltkrieg spielte Heinrich Görg eine historische Rolle

Vor 120 Jahren begann in Niederfischbach auf der Basis beispielhafter Gemeinsamkeit ein kämpferisches Kapitel Heimatgeschichte. Gerade mal 15 Jahre später schlugen die hohen Wellen gewerkschaftlicher Konflikte ins ganze Land. In der Mitte der bewegten Jahre vor dem Ersten Weltkrieg kam es zur Gründung der KAB Niederfischbach und sogar zu einer handfesten Rebellion der Arbeiterschaft. Eine Art Schlüsselrolle spielte dabei der Volksschriftsteller Heinrich Görg (1865-1943) aus Hahnhof.

Mit der Heinrich-Görg-Straße im Wohngebiet Eicherfeld widmete die Gemeinde Niederfischbach 1982 ihrem großen Heimatsohn bereits ein kleines Denkmal. Eine weitere, sehr passende Würdigung hält Ortsbürgermeister Matthias Otterbach im Sommer 2015 für denkbar – nicht zufällig in Görgs 150. Geburtsjahr: Im Zuge der weiteren Gestaltung des örtlichen Bürgerparks könnte eine Heinrich-Görg-Gedenktafel aufgestellt werden. In den Beratungen zum neuen Haushalt der Niederfischbacher soll das Thema zur Sprache kommen.

Vor 120 Jahren nahmen die klaren Forderungen der Bergarbeiter im Asdorftal mehr und mehr Formen an. Große Berufsverbände und Gewerkschaften nach heutigem Muster gab es im Wirtschaftsraum Siegerland zwar noch nicht, doch auch hier sehnten sich die Menschen nach geregelter Mitbestimmung. Im Vordergrund stand das Berg- und Hüttenwesen. Viel zu lange hatten die Arbeiter brav Ruhe bewahrt. Sprachrohre und Hoffnungsträger waren im 19. Jahrhundert dünn gesät. „Stillhalten“ hieß die Devise bei den von Bodenständigkeit und Zufriedenheit geprägten Vorfahren in der Grenzregion der Kreise Altenkirchen und Siegen.

Parallel zu den Unruhen in deutschen Ballungsgebieten gewannen damals christlich-soziale Arbeiterbewegungen immer mehr an Fahrt. Aus der befürchteten Notlage heraus entstand so auch der Gewerkverein christlicher Bergarbeiter im Siegerland mit einer regen Ortsgruppe in Niederfischbach, wie es später der Vorsitzende Ferdinand Schmidt aus Freusburg dokumentierte. Doch diese junge Gruppe hatte sich bald gegen die sogenannte „Berliner Richtung“ massiv zu wehren. Von Berlin aus kam nämlich eine katholische Arbeiterbewegung auf den Plan, die auch im Asdorftal den Ton angeben wollte. Im Siegerland befürchtete man nun eine Spaltung oder zumindest Schwächung der bisher gebündelten Kräfte im Kampf gegen die Großverbände.

Starker Gegenpol zum „Sitz Berlin“ war die Westdeutsche Arbeitervereinigung in Mönchengladbach. In „Föschbe“ war man fest entschlossen, sich einem Diktat aus Berlin nicht zu beugen. „Sind wir denn hier weniger katholisch als in Berlin?“ Diese Reizfrage sorgte im Asdorftal für Zündstoff. Die Attacken aus Berlin bekam vor allem nach 1894 der katholische Pfarrer Maximilian Prion – quasi an der Speerspitze der Asdorftaler Arbeiter – zu spüren. Zugleich kam er als treuer Diener seines Trierer Bischofs in Bedrängnis und zog deswegen 1906 die Versetzung vor.

Nun geriet sein Nachfolger Dr. Karl Rath in die Schusslinie aus Berlin. „So kam es 1909 in Niederfischbach zur Gründung eines katholischen Arbeitervereins der Berliner Richtung“, steht in den KAB-Notizen. Als sich der Konflikt ausweitete, waren die hiesigen Vereinsgründer August Brust, Otto Hensel, Josef Solbach, Martin Stettner, Julius Wäschenbach und Albert Weitz als Vermittler aktiv. Dennoch zeichnete sich eine Rebellion gegen das Diktat ab.

Nun schlug die Stunde für den Chronisten und Heimatdichter Heinrich Görg. Sein entschlossenes Eingreifen sollte Geschichte schreiben: Auf einer überfüllten Protestversammlung griff Görg die Vertreter vom „Sitz Berlin“ hart an. Der Auftritt muss sehr überzeugend gewesen sein, denn rund 300 Arbeiter erklärten sofort ihren Austritt aus dem Berliner Dachverband. Über die Großaktion berichtete sogar die Westdeutsche Arbeiterzeitung. Sie verglich den Zündstoff im „Fall Kirchen“ mit ähnlichen Vorgängen in Lothringen. Spontan traten die erzürnten Niederfischbacher dem zweiten deutschen Dachverband in Mönchengladbach bei, was über Jahrzehnte beispielhaft blieb. Mit ihrem Seitenwechsel zogen die Mitglieder zudem auch über die Bistumsgrenze von Trier nach Köln. Erst 50 Jahre später erfolgte eine bereinigende Vereinbarung.

Geblieben ist in der KAB Niederfischbach die Erinnerung an bewegte Gründerjahre vor dem Ersten Weltkrieg. Als geistigen Vater der Rebellion sah man damals den Wortführer Heinrich Görg an, der als namhafter Schriftsteller mit den Sorgen und Nöten der Arbeiter vertraut war. Er selbst war Bergmann mit Leib und Seele. Görg hatte während seiner Wanderjahre die Situation der Beschäftigten in weiten Teilen Deutschlands hautnah erfahren. In dieser großen Zeit des Wandels, als der Gehorsam noch als erste Bürgerpflicht galt, war der Widerstand im Asdorftal eine Sensation, wodurch sich andere deutsche Arbeitervereine ermutigt fühlten. Görgs Leben und Werke wurden 2013 in der Chronik „Heinrich Görg – Siegerländer Heimatdichter und Rebell“ dokumentiert. Die Chronik ist noch in den Buchläden MankelMuth in Betzdorf und Krusch in Niederfischbach zum Preis von 11 Euro erhältlich.

Quelle: RZ Altenkirchen, Betzdorf vom Samstag, 3. Januar 2015

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