Seehofer zeichnet Niederfischbacherin aus

Von am 22. Mai 2014

Stolz zeigt die Niederfischbacherin Martha Becker ihre Bayerische Medaille „für die Rettung von Menschen aus Lebensgefahr“.

Martha Becker bekommt Rettungsmedaille, weil sie 2012 einen Reisebus vor der Katastrophe bewahrte

„Frau Becker, Wahnsinn, was Sie da geleistet haben!“ Man hört sie geradezu, die markigen Worte im typischen bayerischen Tonfall. Diesen Satz, offenbar in ehrlicher Begeisterung gesprochen, sagte der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer zu der Niederfischbacherin Martha Becker, als er sie am vorigen Mittwoch in der bayerischen Staatskanzlei in München mit der Bayerischen Medaille „für die Rettung von Menschen aus Lebensgefahr“ ausgezeichnet hat. Warum bekommt eine Westerwälderin eine solch hohe Auszeichnung in Bayern? Weil die damals 73-Jährige vor knapp zwei Jahren mit einer beeindruckenden geistesgegenwärtigen Reaktion auf der Autobahn 3 unweit vom Kreuz Biebelried eine Reisegruppe, die nach Kärnten unterwegs war, während der Busfahrt vor einer Katastrophe bewahrte. Sicher hätten ohne Martha Becker damals nicht alle der 28 Urlauber aus Niederfischbach, Kirchen und Betzdorf überlebt (die RZ berichtete seinerzeit).

Es war am 24. September 2012. Der Bus rauscht über die Autobahn, Martha Becker sitzt vorn – nicht nur ein Zufall, denn sie ist sozusagen die Seniorchefin des Niederfischbacher Busunternehmens August Becker, und der Bus gehört der Firma. Doch ein solches Fahrzeug gefahren hat sie nie, einen Busführerschein schon gar nicht. Nach einer Pause am Rasthof Spessart, morgens gegen zehn Uhr, merkt Martha Becker plötzlich, dass der Bus immer langsamer fährt und dass er sich nun, bei etwa Tempo 60, auf die Leitplanke zubewegt. Dahinter geht es sechs, acht Meter eine steile Böschung hinab – die Leitplanke hätte den Bus nie und nimmer davon abgehalten, hinabzustürzen. „Ich hab‘ der Fahrerin zugerufen: ,Was machst Du?‘, aber es kam keine Antwort“, erinnert sich Martha Becker. Man sieht ihr auch nach so langer Zeit noch an, wie sie das damals Geschehene aufregt, „ich gucke nach, was mit ihr los ist – da höre ich schon, dass der Bus an der Leitplanke entlangschrammt.“ Martha Becker denkt nicht nach – sie handelt. „Ich habe sofort ins Lenkrad gegriffen und den Bus von der Leitplanke weggelenkt, sehe noch, dass die Fahrerin sich nicht rührt, ziehe mit der rechten Hand ihren Fuß vom Gaspedal und trete zwischen ihren Beinen hindurch auf die Bremse. Ich musste langsam abbremsen, sonst hätte ich den schweren Bus nicht halten können.“

Kaum eine Minute steht Martha Becker so da, tritt immer stärker aufs Bremspedal, hält das Lenkrad fest – bis der Bus steht. „Zum Überlegen hatte ich keine Zeit, aber ich merkte, dass ich am ganzen Körper zitterte.“ Es stellte sich heraus, dass die Busfahrerin einen Schwächeanfall erlitten hatte. Martha Becker rief Polizei und Krankenwagen. Der Bus stand sicher auf dem Seitenstreifen der Autobahn, langsam wurde den Mitfahrenden bewusst, dass sie nur knapp einem Unglück entgangen waren. Die tiefe Schramme, die sich das Fahrzeug an der Leitplanke auf seiner ganzen Länge geholt hatte, zeigte, wie knapp. „Der Bus hätte sich mit Sicherheit die Böschung hinunter überschlagen“, sagt Martha Becker, „nur gut, dass wir trockenes Wetter hatten.“ Das Fahrzeug war noch fahrtüchtig. Nach vier Stunden konnte es weitergehen – in den Urlaub nach Kärnten.

Hier begann das zweite Kapitel der Geschichte: der Medienrummel. Während das Geschehene schon – noch während die Gruppe an der Autobahn auf einen neuen Fahrer wartete – im Radiosender Bayern 1 gebracht wurde, standen am nächsten Morgen um 9 Uhr im Kärntner Hotel die Reporter der Bild-Zeitung vor Martha Becker im Frühstücksraum. „Die waren noch nachts um drei von Bamberg aus losgefahren“, weiß die Frau. Es folgten RTL, ZDF, SWR-Fernsehen und andere. „Am dritten Tag habe ich mein Handy ausgeschaltet, ich wollte einfach meine Ruhe haben. Es war nicht mehr auszuhalten.“ So genervt von dem Andrang war sie, dass sie es sogar ablehnte, beim „Jahresrückblick 2012“ von RTL mitzumachen. „Die wollten mir schon einen Vertrag zuschicken.“

Zwei Jahre sind vergangen. Noch heute wacht die Niederfischbacherin zuweilen nachts auf und träumt, sie müsse Menschen retten. Was sie damals in ein paar Minuten getan hat, um viele Leben zu retten, das hat sie für lange Zeit traumatisiert. „Mir wurde erst nach und nach klar, was da eigentlich passiert ist.“

Dann fand sie am 8. April den stilvollen Brief aus Bayern, mit dem sie zur Verleihung der Rettungsmedaille und zu einer Feierstunde in die Residenz des Landesherren eingeladen wurde. „Ich habe mich richtig gefreut.“ Mit ihren Kindern Andreas (53), Burkhard (50), Evelin (47) und Lars (45) fuhr sie nach Bayern, „einen Tag früher, damit wir uns eingewöhnen konnten“. 88 andere Helden wurden mit ihr geehrt. Sie war wohl die einzige, die nicht aus Bayern kam.

Die silbernen Medaillen – eine große, eine kleine – in einer Schatulle hat sie samt Urkunde und einem Gutschein bekommen, der sie und eine weitere Person zum Eintritt in alle staatlichen Schlösser, Museen und sonstigen bayerischen Einrichtungen berechtigt. Als Landesvater Horst Seehofer ihr alles überreichte, sagte der CSU-Politiker: „Sie muss ich bestimmt nicht fragen, ob Sie das noch mal tun würden? – ,Jederzeit!‘, hab‘ ich gesagt.“

Quelle: RZ Altenkirchen, Betzdorf vom Donnerstag, 22. Mai 2014

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