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Abschied von einem „Meister der Bürger“

Von am 27. Dezember 2013

Fritz Greßnich verstorben. Bis zuletzt lebte er zumindest teilweise noch in seinem Haus am Blumenberg, ansonsten konnte er auf die liebevolle Betreuung im Altenheim St. Klara vertrauen.

Alt-Bürgermeister Fritz Greßnich ist im Alter von 86 Jahren verstorben – Die Verbandsgemeinde und die Stadt Kirchen haben Greßnich viel zu verdanken.

Zusammenfassend: Das war immer eines der Lieblings-Wörter von Fritz Greßnich, und oft genug war man als Berichterstatter in einer Ratssitzung geneigt, eine Strichliste zu führen. Mag der häufige Gebrauch von „zusammenfassend“ auch wie eine Marotte erschienen sein, so steckte wesentlich mehr dahinter: das Ziel, verschiedene Meinungen zu vereinen und auf den Punkt zu bringen. Das alles zum Wohl der Verbandsgemeinde Kirchen und der damaligen Ortsgemeinde Kirchen. Zusammenfassend, so heißt es an dieser Stelle zum letzten Mal, muss man doch nun auf ein in jeder Hinsicht erfülltes Leben zurückblicken: In der Nacht auf Heiligabend ist Alt-Bürgermeister Fritz Greßnich im Alter von 86 Jahren verstorben.

Mit ihm ist ein Kommunalpolitiker und Verwaltungsmann gegangen, wie sie es heute nicht mehr gibt. Die Verbandsgemeinde und die heutige Stadt Kirchen haben ihm viel zu verdanken. „Mein Wirken war immer daran ausgerichtet, was dem Bürger Vorteile bringt“, sagte er anlässlich seines 80. Geburtstages dem SZ-Redakteur – und niemand wollte und konnte dem widersprechen. Für den früheren Landrat Herbert B. Blank war er wahrhaftig ein „Meister der Bürger“. Dabei war Greßnich kein Mensch ohne Kanten: An dem CDU-Mann konnte sich sowohl der politische Gegner als auch der Parteifreund reiben. Doch bis auf einen Vorfall war er nie nachtragend. Überhaupt war es nicht seine Sache, in aller Öffentlichkeit zu streiten und zu diskutieren. Viel lieber klärte er Dinge hinter verschlossenen Türen – und gerne auch an der Theke.

Den Begriff „Bauernschläue“ wertete Greßnich stets als Kompliment. Dabei nahm er Paragrafen und Verordnungen nicht als etwas „Gottgegebenes“ an, sondern warf sie immer zusammen mit dem gesunden Menschenverstand in die Waagschale. Keiner hat es je besser ausgedrückt als Hermann-Josef Giershausen, der frühere Vorsitzende der DJK Friesenhagen:

Er hat versucht, Politik mit uns auf der Straße zu machen

Der ehemalige 1. Beigeordnete der VG Kirchen, Werner Becker, der nie den Kontakt zu Greßnich hat abreißen lassen und ein treuer Weggefährte war, erinnerte sich gestern im SZ-Gespräch an einen Mann, der immer ehrlich und zielführend gehandelt habe: „Ich habe sehr viel von ihm lernen können.“ Bevor es Streit gegeben habe, sei immer erst das persönliche Gespräch gesucht worden.

Geboren und aufgewachsen in einer katholisch-konservativ geprägten Familie im kleinen Ort Erlenbach im Kreis Wittlich, war Greßnich 1953 in den Kreis Aktenkirchen gekommen: Als Rentmeister (heute Kämmerer) begann er bei der amtsfreien Gemeindeverwaltung Friesenhagen. Und schon in jungen Jahren zeigten sich alle jene (Charakter-)Eigenschaften, die sein ganzes Wirken prägen sollten: Standhaftigkeit, Hartnäckigkeit, Ehrlichkeit und ein überragendes Verhandlungsgeschick. Die Landwirte des Wildenburger Landes staunten, als der „Neuling“ es schaffte, ihre Interessen gegenüber dem Haus Hatzfeldt durchzusetzen.

Mit 33 Jahren wurde Greßnich 1960 hauptamtlicher Bürgermeister in Friesenhagen und damit der jüngste Verwaltungschef in Rheinland-Pfalz. Bodenreform, Wegebaumaßnahmen und der Umbau der Schullandschaft prägten seine Arbeit. 1967 half er dem Unternehmer Alfred Holschbach dabei, sich in Steeg selbstständig zu machen. 1971 folgte im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ der große Triumph: Friesenhagen holte Gold. Im Zuge der Verwaltungsreform entschied sich Greßnich Anfang der 1970er Jahre gegen das Frührentner-Dasein und ließ sich Ende 1974 zum hauptamtlichen Beigeordneten der Verbandsgemeinde Kirchen wählen. Am 10. Juni 1975 trat er als neuer Bürgermeister die Nachfolge von Paul Wingendorf an und wurde in Personalunion auch Ortsbürgermeister in Kirchen. Dabei musste er auch Vorbehalte überwinden, wurde doch befürchtet, dass in Kirchen nun Friesenhagener Interessen im Vordergrund stehen würden. „Ich glaube, immer ein Bürgermeister für alle gewesen zu sein. Ich war schließlich mehr in Kirchen als zu Hause“, sagte Greßnich später. Die Aufgaben erhielten nun eine andere Dimension: Stadtsanierung mit geplantem Rathausneubau, die Zusammenführung der Sportanlagen auf dem Molzberg, Übernahme der Schulen, Sanierung des Bades und vieles, vieles mehr. In der Allianz mit anderen mächtigen Bürgermeistern – allen voran mit den Sozialdemokraten Günter Wolfram (Daaden) und Karlheinz Klöckner (Altenkirchen) – machte Greßnich den Landräten stets klar, dass an erster Stelle immer die Verbandsgemeinden stehen und nicht etwa der Kreis.

Eines seiner letzten großen Projekte in Kirchen war 1987 der Erwerb des Friedrichshüttengeländes, um neue Firmen anzusiedeln. Der Einzug ins neue Rathaus blieb ihm verwehrt, am 30. Juni 1992 trat er in den Ruhestand. Und ganz zuletzt gab es noch jenen politischen Nackenschlag, der ihn bis zu seinem Tod maßlos geärgert hat: Der Verbandsgemeinderat verweigerte ihm trotz vorheriger Zusage eine höhere Pension, die noch nicht einmal zu Lasten der Gemeindekasse gegangen wäre.

Es muss Greßnich hoch angerechnet werden, dass er sich in all den Jahren nie mehr ins politische Geschehen eingemischt und Ratschläge erteilt hat (obwohl es dazu mehr als einmal Gelegenheit gegeben hätte). „Die Politik darf nicht so weit gehen, dass sie die Menschlichkeit vergisst“, lautete einer der wenigen Sätze, die er seinen Nachfolgern mit auf den Weg gab.

Und auch wenn gerade zuletzt die Bürden des Alters unübersehbar waren, so hörte man Greßnich nie klagen; sein Standard-Satz lautete: „Ich bin zufrieden.“ Bis zuletzt lebte er zumindest teilweise noch in seinem Haus am Blumenberg, ansonsten konnte er auf die liebevolle Betreuung im Altenheim St. Klara vertrauen. Fritz Greßnich wird an der Seite seiner bereits vor Jahren verstorbenen Ehefrau in Friesenhagen seine letzte Ruhe finden, die Beerdigung findet am Silvestertag statt.

Autor: Thorsten Stahl
Quelle: Siegener-Zeitung

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