Wie Weihnachten in früheren Zeiten gefeiert wurde

Von am 24. Dezember 2013

Volksschriftsteller Heinrich Görg aus Niederfischbach-Hahnhof schrieb über „Bräuche im Siegerlande“

Als der Volksschriftsteller Heinrich Görg aus Hahnhof bei Niederfischbach 1943 im 78. Lebensjahr starb, gerieten bald viele seiner großen Arbeiten in Vergessenheit. So mancher Heimatklassiker erschien vor mehr als 80 Jahren in hiesigen Lokalzeitungen. Diese wiederum – wenn überhaupt – verschwanden in Archiven, um dort neu entdeckt zu werden. Ein solcher Glücksfall ist zum Beispiel der 1926 erschienene Görg-Aufsatz „Alte Weihnachtsgebräuche im Siegerlande“, der kürzlich im Stadtarchiv Siegen wiederentdeckt wurde. Manch bisherige historische Betrachtung erscheint dadurch in neuem Licht. Dazu zählt der „Hondag“ in Nauroth, der seit alters her zur Jahreswende gefeiert wird und dessen Wurzel im Feiern nach der Musterung zum Militär liegen soll. Heimatchronist Görg stärkt mit seiner Schilderung eine zweite Deutung, die am „Hondag“ das wilde Treiben der männlichen Dorfjugend im Siegerland erklären könnte: „Der zweite Weihnachtstag war auch der sogenannte Bündelstag, weil an diesem Tag sämtliche Dienstboten das Dienstjahr um hatten. Von diesem Tage bis zu Neujahr hatten sie alle freie Zeit und konnten hingehen wohin sie wollten. Diese Tage nannte man die ‚Hundstage‘.“

Im meist bäuerlichen Dorfleben hatte das Vieh einen hohen Rang. Görg: „Kühe und Rinder bekamen, wenn sie gefüttert wurden, ein extra Stück Brot, damit sie auch Christtag hatten. Auch deutete man aus der Weihnachtsnacht das Wetter für das kommende Jahr an. War diese hell, dann gab es ein fruchtbares Jahr, war sie aber dunkel, so war in der nächsten Sommerzeit mit vielen Gewittern zu rechnen. Wenn die Pferde in der Weihnachtsnacht wieherten, gab es viele Todesfälle und schwere Krankheiten.“

Die Viehhaltung spielt in Görgs Weihnachtstexten eine große Rolle. Stolz stellt der Nachbar Heinrich Wäschenbach um 1940 sein Ackerpferd vor. Foto: Archiv Joachim Weger

In Görgs Texten zu Weihnachten 1926 geht es um viele weitere Bräuche unserer Vorfahren: „Auch der Volksglaube wob um Weihnachten seine Sagen. So hatte dort, wo ein Sumpf zwischen zwei Ortschaften lag, früher ein reicher Bauernhof gestanden. Der Bauer war ein roher Mann gewesen, der seinem Gesinde befohlen hatte, am Weihnachtsmorgen, anstatt in die Kirche zu gehen, den Stall zu reinigen. Die Dienstboten hatten sich aber geweigert zu arbeiten und waren in die Kirche gegangen. Der Bauer aber hatte gesagt: ‚Christtag, Misttag‘ und sich selber an die Arbeit gegeben. Bis die Leute aus der Kirche kamen, war der Hof mit allem was drauf war versunken. Nur die Kleider der Dienstboten hingen auf einem Strauche… “

Damals, als das Fleisch noch am Spieß gebraten wurde und der Kochtopf noch an der „Hähe“ überm Feuer hing, gab es andere Weihnachtsbräuche als heute. Die Geschenke waren meist selbst angefertigt. Ein Mädchen im heiratsfähigen Alter bekam eine oder einige Rollen Leinen, woraus es sich Betttücher und Hemden nähen konnte. Mädchen waren stolz, wenn sie an den Weihnachtstagen ein neues Druckleinenkleid anziehen konnten, wozu sie das Garn selbst gesponnen hatten. Auch junge Burschen zogen gern Leinenkittel an, zu denen ihr Mädchen das Garn gesponnen hatte.

An Gebäck gab es in besseren Familien einen dicken Weizenmehltiegelkuchen, in den meisten Häusern aber Kartoffelplätze. Es wurde ein Stück Rindfleisch gebraten, welches man einige Zeit vorher in Salz und Essig eingelegt hatte, die „Bäze“ (kommt von Beize her). Einige Tage vorher wurde das sogenannte „Christtagsgebäckte“ gebacken – ein Brot, das feiner zubereitet wurde als sonst. In jedem Haus brannte in der Weihnachtsnacht eine Kerze, hergestellt aus einem Teil rohem Bienenwachs und zwei Teilen Talg. Wenn die Leute zur Christmette gingen, nahmen sie Pechfackeln mit, die aus Tannenharz und Öl bestanden. Der Weihnachtsbaum stand damals noch nicht so im Vordergrund wie heute. Man verzierte ihn mit Äpfeln, Nüssen und buntem Papier. Von Baumkerzen wusste man weniger. Zum Fest durfte man keinen Armen von der Tür weisen: Wer zur Essenszeit kam, bekam von allem etwas mit, was der Tisch bot. Am ersten Feiertag durfte niemand irgendwo Besuch machen, denn nachmittags hatte die Familie beim Verlesen der Weihnachtsgeschichte und dem Singen der Weihnachtslieder zusammenzusitzen. Am zweiten Weihnachtstag ging es lebhafter zu. Dann kamen die Gevatterleute und brachten die Geschenke für ihre Patenkinder – bei sechs oder noch mehr Kindern, deren Paten alle kamen, gab es einen gewaltigen Aufwand. Abends wurden die Leute mit Reibekuchen bewirtet. Görg: „So feierlich wie der erste Weihnachtstag begangen wurde, so ausgelassen war man am zweiten. Männer und Burschen gingen schon am Morgen ins Wirtshaus, und man konnte schon oft am hellen Nachmittag Gestalten hier und da einher wanken sehen.“

Autor: Joachim Weger
Quelle: RZ Altenkirchen, Betzdorf vom Dienstag, 24. Dezember 2013

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