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Nach Abschiebung: Luu würde alles für Rückkehr tun

Von am 19. November 2013

Dhin Chi Luu, der 16 Jahre in Niederfischbach lebte, geht es in Vietnam immer schlechter

Theo Zart und Peter Merzhäuser sind niedergeschlagen. Eben haben die beiden Niederfischbacher wieder mit Vietnam telefoniert. Mit Dhin Chi Luu, dem Vietnamesen, der nach fast 16 Jahren, die er in der Asdorftalgemeinde gelebt hat, abgeschoben wurde (die RZ berichtete). Das war im Oktober 2006. Kurz bevor eine neue gesetzliche Regelung Luu ein unbeschränktes Aufenthaltsrecht einräumen konnte, war die Kreisverwaltung in Altenkirchen aktiv geworden.

Nach Jahren, die Luu in einem Slum von Saigon verbracht hat, ist er nun nach Mittelvietnam umgezogen, aufs Land. „Auch wenn das etwas besser ist als der Slum“, erzählt Theo Zart, „klingt seine Stimme heute noch trauriger als vor ein paar Jahren. Wir haben das Gefühl, dass er sich aufgegeben hat.“ Denn anfangs hatte Luu nie darum gebettelt, dass man ihn dorthin zurückholen soll, was er bis heute seine Heimat nennt: Niederfischbach. Auch habe er es immer abgelehnt, berichtet Peter Merzhäuser, diese Rückkehr durch Tricks zu erwirken. Eine vorgeschobene Heirat mit einer Deutschen etwa lehnte er laut Merzhäuser stets ab: „Heiraten, sagte er immer, das kam für ihn nur aus Liebe infrage. Heute hat man das Gefühl, ihm ist alles egal. Er hat viel von seiner Würde verloren und sagt am Ende jedes Telefongesprächs dasselbe: Holt mich doch hier raus.“

800 Kilometer nördlich von Saigon, in der Region, aus der seine Familie stammt, hatte Luu 2012 ein Haus ohne Dach gefunden, das er sich hergerichtet hat. In einem Garten pflanzt er Gemüse an und hält ein paar Hühner. Ein Bekannter der BI unternahm zufällig in diesem Sommer eine Studienreise in das asiatische Land. Luu traf ihn im Hotel, zur Geldübergabe. „Luu sieht nicht gut aus“, berichtete der Reisende nach seiner Rückkehr, „er hat allen Stolz verloren und wirkt depressiv. Er ist ein gebrochener Mann.“

Einmal im Monat telefoniert Merzhäuser, Zart oder sonst jemand von der Niederfischbacher Bürgerinitiative (BI) „Heimkehr für Dhin Chi Luu“ mit dem Freund auf der anderen Seite des Globus‘. Die Hoffnung verband sie alle, dass der heute 57-Jährige sein „Föschbe“ und die Freunde dort eines Tages wiedersehen würde – für immer. Das gab Luu die Kraft, im Slum durchzuhalten, in der glühend heißen Hütte mit dem Wellblechdach, in die Tag für Tag der mit Chemikalien verdreckte Saigonfluss sein Hochwasser schickte. Das gab ihm Kraft, wenn er sich als quasi Staatenloser schikaniert fühlte, keine Arbeit fand. Denn weil der ausgebildete Lehrer vor zwei Jahrzehnten aus dem kommunistischen Staat geflohen war, galt er dort als unerwünscht, verlor seinen Pass – ohne den er keine Arbeit bekommt, und ohne Arbeit keinen offiziellen Wohnsitz. Ein Teufelskreis. Ein Leben ohne Perspektiven, ohne Ziele. Die BI seiner deutschen Freunde sammelt zwar einmal im Jahr rund 1000 Euro und lässt sie durch Bekannte, etwa eine Stewardess, persönlich bei Luu abgeben; dazu Medikamente für seinen Rücken. In Niederfischbach hatte Luu einen Job in Merzhäusers Pharmaziebetrieb. Und obwohl der Apotheker der Ausländerbehörde in Altenkirchen eidesstattlich erklärt hatte, dass Luu dem deutschen Steuerzahler für den Rest des Lebens nicht zur Last fallen werde, weil er lebenslang bei ihm arbeiten könne, wurde er weggeschickt. „Ich kann bis heute nicht verstehen“, sagt Theo Zart, „wie man ihn abschieben konnte, gerade, als Luu durch die neue Gesetzeslage Licht am Horizont sah. Bundesweit haben damals nur wenige Kreise abgeschoben, alle anderen haben aus humanitären Gründen erst mal gewartet.“ Längst hat man den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingeschaltet; die einzige Behörde, die Luu noch helfen könnte. Das Verfahren in Brüssel hat mittlerweile die erste juristische Hürde genommen: Der Fall wurde geprüft und als wichtig genug erachtet, um ihn den Richtern vorzulegen. Im nächsten Schritt müssen diese nun entscheiden, ob sie den Fall Luu für so gravierend halten, dass er verhandelt wird.

Peter Seel / RZ Altenkirchen, Betzdorf vom Dienstag, 19. November 2013, Seite 11
Fotos: Archiv

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