Eine furiose Komposition furios interpretiert

Von am 12. März 2013

Projektorchester führte im Siegerländer Dom in Niederfischbach das Passionswerk „La Passió de Crist“ auf

Es war ein zutiefst ergreifendes Erlebnis, kaum mit Worten zu beschreiben: Das Projektorchester (PjO) unter Leitung von Marco Lichtenthäler führte am Sonntagabend im Siegerländer Dom in Niederfischbach das Passionswerk „La Passió de Crist“ von Ferrer Ferran auf. Der zeitgenössische spanische Komponist beschreibt mit seinem Werk das Leben und die Leidensgeschichte Jesu Christi sehr bildhaft und realistisch – und hat sie in eine Musik verpackt, wie sie monumentaler und drastischer kaum sein könnte. Die 78 Musiker verliehen diesen Bildern Kraft, machten sie auf eine mitunter erschreckende Weise lebendig. Treffender als Pastor Christoph Kipping kann man es nicht sagen: „Musik verfügt über Möglichkeiten, die Sprache nicht hat.“ Das haben rund 300 Konzertbesucher hier auf großartige Weise erfahren.

Es war das fünfte Projekt des PjO Projektorchesters, bei dem die Musiker ohne Gage für einen guten Zweck spielen – diesmal für die Westerwälder Clowndoktoren unter Leitung von Vera Apel-Jösch (Wekiss), die Moderatorin Sabine Bätzing-Lichtenthäler bei dem Konzert auch begrüßte. Die Frauen und Männer des PjO kommen aus Musikvereinen der Region oder sind Profis aus dem ganzen Bundesgebiet, die in der Region ihre Wurzeln haben. Sie proben selbstständig und kommen nur zu einer einzigen Probe des gesamten Orchesters zusammen. Die war am Vortag des Konzerts – volle acht Stunden lang. „Sie haben fleißig, lange und viel gespielt“, sagte Pastor Kipper, „ich wohne daneben und habe jeden Ton mitbekommen.“

Das Projektorchester PjO unter Leitung von Marco Lichtenthäler führte am Sonntagabend im Siegerländer Dom in Niederfischbach das Passionswerk „La Passió de Crist“ von Ferrer Ferrán auf. 78 Musiker präsentierten ohne Gage ein hinreißendes Konzert für einen guten Zweck. Foto: Eva-Maria Stettner

Seit sich die Leidensgeschichte ereignet habe, so Kipper weiter, versuchten Musiker, sie in Klänge zufassen. Es sei aber keine simple Erzählung, denn es gehe um das Zentrum des Glaubens. Der spanische Komponist habe sich aber damit auseinandergesetzt: Seine Geschichte beginne nicht wie bei anderen mit dem Abendmahl, sondern mit der Geburt. „Jesus Christus wird Gottes Mit-leid-Mensch, Ausdruck der Erbarmung und tiefer Zuneigung.“ Und Ferràns Geschichte ende mit Hoffnung auf Auferstehung: „Den Schritt der Auferstehung, hat sich der Komponist gedacht, müssen wir selbst gehen. Das können wir nur, wenn wir glauben.“

Eine Einführung in das Werk gab Sabine Bätzing-Lichtenthäler. Das knapp 50-minütige Gesamtwerk gliedert sich in drei Sätze. Es ist ein Höchststufenwerk, und es war großartig, wie die Musiker unter Leitung von Marco Lichtenthäler es umsetzten: Im ersten Satz künden warme, weiche Klänge von dem freudigen Ereignis, dass die Jungfrau einen Sohn zur Welt bringen wird, majestätische von der Geburt Jesu. Hektische Musik führt die Flucht der Familie vor Herodes vor Augen. Herodes Wut darüber bekommt das Publikum in dissonanten Klängen zu spüren, extrem laut. Er befahl, alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren zu töten. In sehr traurigen, fast mystischen Klangfarben wird es schreckliche Gewissheit: Alle männlichen Kinder wurden erschlagen. Bis auf eines!

Der erste Satz endet mit Jesus‘ Taufe, die Liebe Gottes zu seinem Sohn wird in einer feierlichen Passage spürbar gemacht. Der zweite Satz erzählt von der dreimaligen Versuchung des Gottessohnes durch den Teufel. Hier entsteht eine beklemmende Atmosphäre, die frösteln lässt. Schließlich bezwingt Jesus den Teufel, der von den „Posaunen des Himmels“ niedergeschmettert wird. Der dritte Satz beschreibt zunächst die Ankunft beim Tempel, das letzte Abendmahl, die Verhaftung Jesu. Dann die Verurteilung durch Pontius Pilatus. Sofort danach erfolgt die Auspeitschung, musikalisch dargestellt durch das Schlagwerk. Gemeinsam mit Jesus schleppt sich das Orchester nach Golgatha, dem Schädelplatz. Die Musik steht dabei fast still, das Schleppen wird hörbar. Endlich oben angekommen, bricht alles zusammen: Jesus, seine Anhänger, auch das Orchester – die Noten beschreiben totales Chaos.

Bei der Kreuzigung ist das Einschlagen der Nägel unüberhörbar. Es heißt, die Erde bebte zu dieser Zeit. Und die Welt erstarrt. Auch das Orchester verfällt in Schockstarre. Über eine Minute baut sich nur ein einziger Akkord auf. An dessen Ende stirbt Jesus am Kreuz. Lange Pause. Stille. Dann beginnt die Musik wieder. Es wächst Hoffnung. Jesus hat den Tod besiegt. Er ermuntert die Menschen, zu allen Völkern zu gehen und die Menschen zu seinen Jüngern zu machen. Ganz langsam eröffnet das Orchester ein Feuerwerk und endet in einem furiosen Maestoso, Hymne auf den Retter.

Die Clowndoktoren freuen sich über die Spende

Sabine Bätzing-Lichtenthäler betonte, dass jeder Cent, der bei dem Konzert in Niederfischbach eingenommen wurde, den Westerwälder Clowndoktoren unter Leitung von Vera Apel-Jösch (Wekiss) zugutekommt. Apel-Jösch informierte über die ehrenamtlich organisierten Clowndoktoren: 24 Frauen und Männer, die Kindern in Krankenhäusern mit ihren „Spaß-Visiten“ etwas Frohsinn in den traurigen Alltag bringen. Sie selbst ist auch seit zehn Jahren als Clown im Einsatz. Da gebe es viele Schicksale, die unter die Haut gehen. Die Eintrittskarte zum Konzert kostete 8 Euro. Dafür könne man beispielsweise ein Viertel einer großen Flasche Seifenblasen bezahlen oder 25 Kilometer durch Rheinland-Pfalz fahren. Vor den Orchestermusikern, die ohne Gage spielten, verneigte sich Apel-Jösch in Dankbarkeit und Respekt. Bätzing-Lichtenthäler dankte auch allen Sponsoren, denn ohne sie seien solche Mammutprojekte nicht möglich.

 

Autor / Quelle / Foto:
Eva-Maria Stettner – RZ Altenkirchen, Betzdorf vom Dienstag, 12. März 2013, Seite 21

 

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